Bald große Namen

Tuesday 17 April 2018

„Es ist, als würde man zwei BMW gleichzeitig fahren“, sagte der Dirigent Michael Schønwandt über das Musizieren mit den Jussen-Brüdern. Das Zitat ist so gut, dass wir es nicht unterschlagen wollen – auch wenn es die sympathischen Klavierbrüder aus Holland arg auf schnittige Motorik und hochtourige Sprints reduziert. Aber der Schoneberg-Abend im Rathaus bot weit mehr: Klavierkunst auf höchstem Niveau, mal zu vier Händen, mal zu zweien. Lucas und Arthur Jussen – zwei „Neue Namen“, die schon bald große Namen sein sollten.

Bald große Namen

„Es ist, als würde man zwei BMW gleichzeitig fahren“, sagte der Dirigent Michael Schønwandt über das Musizieren mit den Jussen-Brüdern. Das Zitat ist so gut, dass wir es nicht unterschlagen wollen – auch wenn es die sympathischen Klavierbrüder aus Holland arg auf schnittige Motorik und hochtourige Sprints reduziert. Aber der Schoneberg-Abend im Rathaus bot weit mehr: Klavierkunst auf höchstem Niveau, mal zu vier Händen, mal zu zweien. Lucas und Arthur Jussen – zwei „Neue Namen“, die schon bald große Namen sein sollten.
Wer mit einem Batzen deutscher Romantik beginnt, den Blick ins Jazzige weitet, mit pianistischem Wüten Bartóks den Steinway erzittern lässt, um ihn am Ende mit orientalischen Klanggewittern (Fazil Say) durchzurütteln, hat sich ein strapaziöses Abenteuer vorgenommen. Gut, dass die Arbeit brüderlich geteilt werden kann! Mal spielt nur Arthur, mal nur Lucas – meist aber sitzen sie nebeneinander, die Augen geschlossen, die Köpfe wie in Trance wiegend. Blindes Verständnis, Klavierspiel als Rausch. Am Ende erhoben sich die Zuhörer von den Sitzen.
Das tiefsinnige Herzstück des Abends ist Schuberts f-Moll-Fantasie zu vier Händen. Und die Darbietung ist – wie alles der Jussens – von jugendlichem Elan getragen. Da fragt man sich hier und da, ob die teils tief traurige Melancholie Schuberts nicht etwas zu quecksilbrig pulsiert, ob die wehmütige Schlichtheit des Hauptthemas hier bis zur Neige ausgekostet wird. Aber pianistisch untadelig ist es schon.
Ähnlich empfindet man Arthurs Solospiel bei Schumanns Fantasiestücken op. 12. Was dem „Abend“ an Innigkeit abgeht, macht er bei den „Grillen“ mühelos wett. Schumann als Draufgänger, ganz „Florestan“, kaum „Eusebius“.
Nach der Pause tritt auch Lucas als Solist auf. Mit 24 ist er drei Jahre älter als sein Bruder. Körperlich etwas schmächtiger, pianistisch ein Herkules, der sich mit Wonne in Béla Bartóks Suite op.14 und die Sonate Sz 80 wirft. Was hier an Raffinesse einerseits und „barbarischer“ Wucht andererseits entfesselt wird, haut das Publikum von den Sitzen. Den Schluss bildet Fazil Says „Night“, ein Klaviergewitter mit dunklen Wolken. Und mehrfach greifen die Jussens dem Steinway in die Saiten, so dass er ein wenig wie die orientalische Laute „Saz“ klingt. Faszinierend.

Schoneberg „Neue Namen“ / Jussen-Brüder im Rathaus / 17.4.18 Westfälische Nachrichten Von Arndt Zinkant

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