Die Brüder Jussen sind derzeit das Klavierduo, das allerorten größte Begeisterung entfacht. In Salzburg spielten sie Mozart, Poulenc und Say.

Friday 13 April 2018

Die Jussens spielen und bewegen sich mit der Natürlichkeit, mit der sich Ebbe und Flut ereignen.

Die Brüder Jussen sind derzeit das Klavierduo, das allerorten größte Begeisterung entfacht. In Salzburg spielten sie Mozart, Poulenc und Say.

Auf einem halben Quadratmeter Ballett zu tanzen, ist große Kunst. Die Jussen-Brüder beherrschen diese Kunst perfekt. Dabei sind Lucas und Arthur keine Primaballerinos, sondern Klavierspieler. Wenn Arthur, er ist 21 Jahre alt und spielt meist die Oberstimmen, mal nur mit der rechten Hand zu tun hat, dann beugt er sich zurück und stützt sich mit der Linken hinter seinem Bruder auf dem Klavierschemel ab. Wenn Lucas, dreieinhalb Jahre älter als sein Bruder und mit einem Faible für große dunkle Gefühlsentladungen, dann aber mal die Oberstimmen spielt, dann macht er gelegentlich die gleiche Geste.

Überhaupt könnte man die beiden elegant auftretenden Männer für Zwillinge halten. Beim Applaus aber sind sie Buben, die tuscheln, ob sie sich gleich noch mal verbeugen sollen und welche Zugabe sie spielen wollen. Und dann im Pas de deux ab und zurück auf die Bühne. Am erstaunlichsten aber ist, wie sie gemeinsam die Musik ausatmen. Kaum vor der Klaviatur, geraten sie in Trance, Noten brauchen die beiden wohl nur beim Üben. Sie schließen gern die Augen, sie sind sichtbar verzückt. Nicht so sehr vom eigenen Spiel, sondern von der Musik, die da aus dem Flügel kommt, die in ihre Körper zu fluten scheint, um dann wieder erneut ausgeatmet zu werden und zurückzufluten in den Flügel. Die Jussens spielen und bewegen sich mit der Natürlichkeit, mit der sich Ebbe und Flut ereignen. Allerdings bei Weitem nicht so langsam, sondern im Extremzeitraffer. Außerdem begreifen sie das Klavier als das, was es in seinem tiefsten Wesen ist: ein Schlagzeug. Schlagzeug hat nicht so sehr etwas zu tun mit Lautstärke, sondern mit Drive, Elastizität, langem Atem, lockerer Genauigkeit, Schwung.

Weil die Jussens die Musik atmend zum Tanzen bringen, wirken bei ihnen selbst gehämmerte Passagen nicht wie im Metallwerk verfertigt, sondern wie das Peitschen eines Sturms im Wald. Auch das ist bei ihnen eine naturhaft natürliche Angelegenheit. Je jünger die von ihnen gespielte Musik ist, umso wohler fühlen sie sich, umso ausgelassener tanzen sie ihren Halbquadratmetertanz. Und im Publikum ist zuletzt niemand mehr, der im Laufe des Konzerts nicht zu einem Ballettliebhaber geworden wäre.

Von Reinhard J.Brembeck, 13. April 2018, Süddeutsche Zeitung

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